Das Lesepult in der Freudenstädter Stadtkirche

  • “… ein Unikat auf der Welt und ein unglaublicher GlĂĽcksfall!”
  • “… innerhalb Europas etwas Einzigartiges: entstanden um 1150!”
  • “… eines der technisch und kĂĽnstlerisch bedeutendsten Holzbildwerke des 12. Jahrhunderts”

Beschreibung

Vier ernstblickende Männer - alle bärtig und barfuß - tragen auf einer runden Platte einen Pultkasten, auf dem im Gottesdienst das Evangelienbuch lag. Es sind die vier Evangelisten: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Der Pultkasten besitzt auf jeder Seite ein Evangelisten-Symbol: Mensch, Stier, Löwe, Adler (vgl.Hesekiel 1). Die Zuordnung der vier Symbole zu den vier Evangelisten geht auf den Kirchenvater Irenaeus zurück (135 - 202).

Lesepult

 

Das Lesepult ist mit Ausnahme der Symbole und des Deckels aus einem StĂĽck geschnitzt, seine Höhe beträgt 120 cm, das Material ist Weidenholz.  Es war einst in sehr kräftigen und leuchtenden Farbtönen bemalt.

Der Pultkasten des Lesepultes besitzt oben im Deckel eine Ă–ffnung. Durch diese Ă–ffnung wurde im Gottesdienst eine Räucherpfanne mit glĂĽhenden Kohlen - auf die Weihrauchkörner gestreut wurden - ins Innere hinabgelassen. Der Pultkasten besitzt 4 Kanäle, die zu den Evangelistensymbolen fĂĽhren. Durch diese Kanäle strömte während der Lesung des Evangeliums   im Gottesdienst  Weihrauch aus.

SchlĂĽsseltext

Die Frage nach der künstlerisch-theologischen Konzeption des Lesepultes führt uns zum “viergestaltigen Evangelium” des Kirchenvaters Irenaeus.
Er schreibt:

“Da es in der Welt, in der wir uns befinden, vier Gegenden und vier Hauptwindrichtungen gibt und die Kirche ĂĽber die ganze Erde ausgesät ist, das Evangelium aber die Säule und Grundfeste der Kirche und ihr Lebenshauch ist, so muĂź sie naturgemäß auch vier Säulen haben, die von allen Seiten Unsterblichkeit aushauchen und die Menschen wiederbeleben. Daraus ergibt es sich, dass das als Urheber des Weltalls ĂĽber den Cherubim thronende  und alles umfassende  Wort, als es den Menschen sich offenbarte, uns ein viergestaltiges Evangelium gab, das aber von  einem  Geist  zusammengehalten wird.”
Irenäus von Lyon, gegen die Häresien, III,11,8

Botschaft

Der Gedankengang des Irenaeus erschliest die spirituelle Botschaft des Lese- pultes in umfassender Weise. Dies zum Ausdruck kommt durch:  

  • das ZusammenrĂĽcken der vier Evangelisten. Alle vier Evangelisten sind Diener des e i n e n Evangeliums! Das Lesepult ist aus einem StĂĽck Holz geschnitzt! Keiner hält s e i n Evangelium hoch, wie diesin manchen Handschriften und Miniaturen des Mittelaters zu finden ist, vielmehr sind alle vier Träger des e i n e n Evangeliums. Alle vier dienen dem Mensch gewordenen Wort Gottes. UnĂĽbersehbar ist das spirituelle Moment: die E I N H E I T der vier Evangelisten.
  • die Verwendung von Weihrauch, als Sinnbild fĂĽr den G E I S T G O T T E S. Das eine Evangelium, das in vier Evangelien die Geschichte vom Leben, Sterben und der Auferstehung Jesu Christi erzählt, ist - wie Christus selbst - von dem dem Geist des HERRN durchdrungen. Er schafft die Einheit.
  • durch die Platzierung der vier Evangelisten nach den vier Himmelsrichtungen. Alle Welt soll Gottes Wort hören. Durch das verkĂĽndigte Wort schafft sich Gott eine W E L T W E I T E K I R C H E . Der Duft nach Leben breitet sich ĂĽber die Erde aus.
  • die EinfĂĽhrung einer Schale mit glĂĽhender Holzkohle in den Pultkasten. Dies versinnbildlicht: Kirche lebt dort, wo aus dem Wort heraus ein H E I L I G E S F E U E R in ihr brennt: “… und in der Mitte zwischen den Gestalten sah es aus, wie wenn feurige Kohlen brennen” (Hesekiel 1).

Herkunft

FĂĽr die Herkunft des Lespultes aus dem Kloster Hirsau spricht:

  • Der SchlĂĽsseltext. Im Mittelalter hatte man Irenäus so gut wie vergessen. Es existierten nur noch ganz wenige Handschriften seiner Werke, u.a. auch im Kloster Hirsau. So dĂĽrfte der “spiritus rector” fĂĽr das Lesepult mit größter Wahrscheinlichkeit in der Hirsauer Klosterbibliothek zu orten sein.
  • Die Ă„hnlichkeit zwischen dem ebenfalls aus Hirsau stammenden Dettenhausener Kruzifixus und den Evangelisten des Freudenstädter Lesepultes.
  • Ein Brief Herzog Friedrichs aus dem Jahre 1604, in dem dieser den Transport eines steinernen Lesepultes aus dem Kloster Reichenbach nach Freudenstadt anordnete, danach aber die Anweisung durchstreichen lieĂź, da er inzwischen ein geeigneteres Lesepult entdeckt habe. Da der Brief in Calw verfasst wurde, nimmt man an, dass der Herzog im nahe gelegenen Kloster Hirsau fĂĽndig wurde.
  • Eine auffallende Ă„hnlichkeit zwischen der Gestalt des Abtes Wilhelm von Hirsau auf einer Miniatur des Codex traditionum monasterii Reichenbacensis (Mitte 12. Jahrhundert) und den Evangelisten des Lesepultes, besonders zu Johannes, vor den man (heute noch!) zur Lesung herantrat.

Zukunft

Bei der Erneuerung des Altarraumes der Stadtkirche im Jahre 2003 wurde das Lesepult von seinem musealen Charakter befreit und dient -  nun von einem Glasmantel umhĂĽllt - wieder dem Wort seines HERRN:

Die Zeit ist erfĂĽllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
Kehrt um und glaubt an die frohe Botschaft!